Meine Kinder.

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Einst dachte ich, mein Verstand wäre schuld daran gewesen, weshalb ich unbedingt Kinder wollte. Aber mit Verstand ist so etwas nicht zu erklären. Sicher mögen sich manche für ein Kind entscheiden, wie man sich für eine Waschmaschine oder ein neues Auto entscheidet. Weil ein Kind für manche zum Lebensentwurf gehören mag wie ein eigenes Haus oder ein toller Urlaub. Aber ich wage zu behaupten, dass schon bald das Herz über das Hirn regiert, wenn so ein kleiner Zwuck erst einmal zu wachsen anfängt. Und vermeintlich knallharte Verhandler plötzlich butterweich werden, wenn es um das eigene Kind geht. Vielleicht mag es trotzdem welche geben, die auch später ihre Kinder ein wenig so wie Eigenkapital ansehen oder wie ihre eigenen Projekte, die sie als gelungen oder auch nicht ansehen. Aber ich traue mich behaupten, dass die meisten ihre Kinder lieben und ihnen alles geben würden, soweit sie das können.

Wo der Wunsch nach meinen Kindern herkam, weiß ich nicht. Er war schon immer da. Wie sehr er da war, zeigte sich, als unser Jüngerer ein wenig länger auf sich warten ließ. Vielleicht musste er noch abwägen, ob er uns als Eltern als geeignet erachtete. Nein, mit Verstand lässt sich das nicht erklären. All diese Gedanken und der unbedingte Wunsch nach einem zweiten Kind, wo doch das erste gesund und wohlauf war und ich mich doch mit dem einen zufrieden geben könnte, wenn es denn wirklich nicht und nicht sein sollte …

Und dann klappte es doch. Mit jeder Woche und jedem Monat sah ich meinen Bauch wachsen. Auf gewisse Art und Weise könnte man sagen, mein Bauchgefühl wurde größer und größer. Beinahe war es zu viel an Herz. Der Verstand zweifelte manchmal an sich selbst. Weil die Gefühle so Achterbahn fuhren und alles zum Weinen war vor Glück oder Freude oder was auch immer. Weil die Liebe manchmal so stark war, dass sie beinahe schmerzte. Dass sich mit jedem unbekannten Zwicken irgendwo im Körper das Herz ängstlich zusammen krampfte, ob auch alles in Ordnung wäre. Nein, nur das Herz allein sprechen zu lassen, war auch nicht das Beste.

Heute nehme ich meinen Jüngeren in den Arm und er reicht so weit hoch, dass ich mein Kinn bequem auf seinem Kopf ablegen kann. Dann denke ich daran zurück, wie klein er einmal war, dass er quer in meinen Bauch passte und mir so lange empörte Tritte verpasste, bis ich mich so hinlegte, dass er es wieder bequem hatte. Dann muss ich ganz schnell ein paar sentimentale Tränen der Rührung weg blinzeln, damit mich nur ja keiner dabei ertappt, wie sehr sie mich um ihre Finger gewickelt haben.

Beide kommen sie immer wieder einfach so und umarmen mich. Beide sind sie mehr oder weniger an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Die Sorgen drehen sich nicht mehr um Lego-Autos und durchbrechende Zähne. Sie sind andere geworden. Es ist nicht immer alles nur eitel Wonne.

Das Herz wird mir weit, wenn ich meine Kinder betrachte. Wie gut, dass ich mir ein bisschenVerstand bewahrt habe, der auf das dumme Ding mit seiner überbordenden Liebe und Freude aufpasst.

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11 Kommentare

  1. Hat dies auf vro jongliert rebloggt und kommentierte:

    Mein heutiger Beitrag zum Gemeinschaftsprojekt von Frau Holle und Thomas, bei dem sich alles um das Herz und den Verstand drehen soll.
    Auf dass ich mich auch dann noch an diese Zeilen erinnere, wenn mich die lieben Kleinen, die so klein gar nicht mehr sind, wieder einmal jede Menge Nerven kosten.

    Gefällt 2 Personen

  2. Meine Mutter (80+) meint: „Werd erstmal Urgroßmutter, mein Mädchen, dann sind die Freuden und Sorgen um Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Schwieger- und Urenkel erst richtig entfaltet.“ Da ich nicht wissen kann, ob ich dieses Stadium je erleben werde, schenke ich solange Herz und Verstand meinem erwachsen gewordenen Kind samt Schwiegerkind und meinen täglich mit erschreckender Geschwindigkeit wachsenden Enkeln. Es ist schön, ihre Entwicklung zu begleiten. Und es schwingt eine Prise Melancholie mit. Etwas wie die Ahnung der eigenen Endlichkeit, die der Verstand als gegeben setzt, obwohl das Herz sie nicht wahrhaben will, solange es schlägt.

    Gefällt 3 Personen

  3. Die wichtigsten Menschen in meinem Leben waren und sind meine Kinder. Mit ihnen erleb(t)e ich große Herausforderungen, die mir das Leben bisher stellte. Jetzt sind sie erwachsen und wir haben eine rasante Entwicklung hinter uns. Nach meiner Scheidung vor vier Jahren hatten meine Kinder, ihr Vater und ich unsere neuen Positionen im Familiengefüge zu finden. Trotz Trennung der Eltern eine Familie zu bleiben ist schwer. Daran arbeiten wir vier noch, es gelingt aber auch immer besser, weil Gefühl und Verstand es gelernt haben, zu kooperieren.

    Mir fiel es häufig recht schwer, vor lauter Mutterliebe die Grenzen zu wahren. In meiner Ursprungsfamilie gab es so viele Grenzüberschreitungen, dass ich meine eigenen Grenzen nicht mehr kannte. Es war nicht immer einfach, das nicht an meinen Kindern zu wiederholen. Der Verstand hatte viel damit zu tun, die Gefühle in die richtigen Bahnen zu lenken. Ich übe heute noch und kann aber sagen, dass ich das heute schon ganz gut kann: Die große Liebe zu den Kindern zu spüren und ihre Grenzen zu respektieren.

    Dein Foto berührt mich sehr, weil es mich an die Zeit erinnert, als meine Kinder noch so jung waren. (Ich frage mich gerade, warum Jungen so oft einen Stock mit sich herumtragen. Meine habe ich fast nie ohne gesehen, wenn wir draußen waren!) In Deinem Text finde ich mich wieder und ich könnte jetzt auch ganz sentimental werden. Du hast so viele Themen angerissen, die mein Leben ausmachen. Hier gebe ich mich ganz meinen Gefühlen hin und spüre eine große Dankbarkeit. Liebe Grüße! Regine

    Gefällt 3 Personen

    • Ich danke dir, liebe Regine!

      Grenzen zu respektieren ist oft schwer. Die Jungs haben zu vielen Dingen einen anderen Zugang als ich. Mir hilft hier sehr, wenn ich mit meinen jüngeren Kollegen darüber rede. Dadurch kann ich mich oft auch besser in die Jungs hineinversetzen.

      Was die Sache mit den Stöcken anbelangt, kann ich dir auch nichts sagen. Wir haben halbe Wälder heimgeschleppt. 😉

      Dir alles Liebe,
      Veronika

      Gefällt 1 Person

  4. Liebe Vroni!
    Kleine Kinder kleine Sorgen. Große Kinder große Sorgen. 😎
    Wir erinnern uns an die wunderbaren Momente mit unseren Kindern, die Sorgen verblasen im Laufe des Lebens. Genieß die Zeit mit deinen Kindern, sie vergeht so schnell und dann sind sie Erwachsene und du siehst sie im Halbjahres Ryhtmus. ( Burschen)😊 LG Sabine

    Gefällt 2 Personen

  5. Zwischen Töchtern und Söhnen liegen Welten🤔
    Meine Zwei vertreten die Meinung : “ Solange mein Mann nicht um Hilfe ruft ist alles im grünen Bereich und sie brauchen sich nicht zu melden. Beziehungsweise die Kontaktpflege gehört definitv zu den Aufgaben der Mutter.“😁😁

    Gefällt 1 Person

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