Kontrollgang

Sybille ging noch einmal durch alle Räume des großflächigen, ebenerdigen Hauses. Sie ging weder langsam noch hastig. Wie oft hatte sie diesen Weg schon zurückgelegt, früher, als noch Möbel in allen Ecken standen? Sie wusste es nicht, und sie fragte sich nicht danach.

Sie schloss im Schlafzimmer der Großeltern die Flügeltür aus mattgelb gestrichenem Holz. Vor den gardinenlos gewordenen, staubregentrüben Fenstern blieb sie stehen und sah hinaus. Über die kahlen Hügel  malte die Augustsonne, noch hinter dem Horizont, eine heller werdende Umrisslinie. Am Bach entlang duckten sich grellblaue, baufällige Hütten ins Tal. Irgendwo, auf einem Misthaufen, krähte ein Hahn. Andere Hähne und ein paar Hunde antworteten, sonst war es still. Keine Motorsägen, keine Traktoren, keine Lastwagen, keine öffentlichen Lautsprecher mit Politbotschaften, keine bettelnden Frauenstimmen. Nichts.

Wie schütter die Apfelbäume belaubt waren, jetzt, im August! Sie hätten zwölf Jahre tragen sollen, hatte ihr Großonkel einmal erzählt, der sie vor 45 Jahren gepflanzt hatte. Ihre Mutter und ihr Onkel waren darin herumgeklettert, Sybille selbst, ihre Schwester, ihr Bruder, ihre Cousins und Cousinen. Der neue Eigentümer würde sie abholzen. Das war vernünftig. Ihre Äpfel waren klein wie unreife Pflaumen. Waren sie früher größer gewesen? Als Sybille kleiner war? In Deutschland gab es Äpfel groß wie Männerfäuste. Ihre Cousine Annemarie hatte Sybille vor zwei Wochen einen solchen Apfel geschenkt, rotbackig, knackig, saftig. In Deutschland verkauften die Läden sogar im Winter Äpfel, hatte Annemarie erzählt. Frische Äpfel, nicht kleine verschrumpelte aus Kellerregalen.

Sybille konnte es sich nicht recht vorstellen. Sie genoss die Stille des frühen Augustmorgens. Im Weinlaub versteckt, das sich an einem Geländer entlang der Hauswand bis zum Dach hinaufzog, schilpte ein Sperling. Im Nussbaum drüben turtelte eine Lachtaube. Welche Filmmusik würde wohl zu dieser Szene passen? Es wäre eine sentimentale Szene, überlegte Sybille nüchtern. Eine melancholische Melodie könnte einsetzen, während die Hauptdarstellerin mit unbewegtem Gesicht die Rollläden schloss. Sybille wusste nicht, ob sie die Hauptdarstellerin in diesem Film wäre oder sein wollte. Vermutlich nicht. Sie war zu unwichtig, nur eine der Töchter des Hauses, 18 Jahre jung, gerade erwachsen genug, um den Haushalt aufzulösen, während die Eltern sich um tausend Verwaltungssachen kümmerten. Und sie konnte ihr Gesicht nicht sehen, während sie langsam die Hand zu den Gurten ausstreckte, um die Jalousien mit leisem Rattern zwischen das leere Zimmer und die überalterten Apfelbäume gleiten zu lassen. Es gab keinen Spiegel mehr im Haus.

Sybille ging am Telefon vorbei, das nackt am kahlen Boden stand. War sie erleichtert? Belustigt? Traurig? Enttäuscht? Besorgt? Gespannt? Der schwarze Apparat, der immer noch an die Rufnummer 45 angeschlossen war, gesprochen patru-tschintschj, klingelte nicht. Es war ein Telefon für manuelle Vermittlung, ohne Wählscheibe, und immer wieder kam es vor, dass eine fremde Stimme das eigene Gespräch unterbrach mit der Frage „Sprechen Sie noch?“. Privatgespräche, wusste Sybille, führte man besser nicht per Telefon.

In ihrem Mädchenzimmer, vor dem matratzenlosen Bettgestell, blieb sie länger stehen. Ein gutes Bett. Sie würde nicht mehr da sein, wenn der Käufer morgen käme, um es abzuholen. Nur um ihr Pianino tat es ihr noch mehr leid. Das Pianino war schon lange fort, gleich am zweiten Tag der Haushaltsauflösung abtransportiert worden auf einem geliehenen Pferdefuhrwerk. Ein heller Fleck an der gekalkten Wand bezeichnete die Stelle, an der das Instrument zuletzt gestanden hatte.

Sybille öffnete die Tür zur Speisekammer, über die man durch eine Luke in der Decke das Dachgeschoss erreichen konnte. Halbvolle Marmeladengläser standen verlassen in den sonst leeren Lattenregalen. Auf dem Holzgestell, das Sybilles Vater eigens für den winzigen Kühlschrank gezimmert hatte, lag Staub. Der Kühlschrank kühlte jetzt die Margarine in einem anderen Haushalt, drüben, jenseits des Baches, Sybille hatte sich nicht einmal den Namen des neuen Eigentümers gemerkt.

Als sie zum Fensterchen der Kammer ging, um es zu schließen wie alle Fenster und Türen, an denen sie vorbeikam, sah sie von draußen ihre Mutter winken: Komm doch, komm doch endlich, was machst du denn so lange. Im Geländewagen, der früher der Dienstwagen ihres Vaters gewesen war, wartete der Kraftfahrer, der ihn jahrzehntelang zu den Kühen und Pferden der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gefahren hatte. Die Koffer des Handgepäcks waren zwischen den seitlich verlaufenden Sitzbänken aufgetürmt und festgezurrt. In Bukarest warteten ein paar Kisten – nicht viele – mit dem verzollten Hausrat auf den Abtransport nach Nürnberg. Adressiert ans Durchgangslager. Niemand wusste, wohin es von dort aus weitergehen würde.

Sybille öffnete von innen die schwere Eichentür des alten Hauses und zog sie hinter sich wieder zu. Drehte den Schlüssel im Schloss. Legte ihn auf die Fensterbank. Es war ein sinnloses Unterfangen, fiel ihr ein, der neue Eigentümer wollte auf jeden Fall die Schlösser austauschen, die alten Schlüssel brauchte niemand mehr.

Fröstelnd nestelte sie an den Knöpfen ihres Sommermantels. Sie hatte zu wenig geschlafen, und der Augustmorgen wärmte sich erst langsam. Sie spürte Angst. Angst, dass sie die Fahrt in dem alten Geländewagen nicht vertragen würde. Schon einmal, erinnerte sie sich, war sie darin unterwegs gewesen, über holprige Erdwege, und sie hatte sich in ein Maisfeld übergeben müssen. Aber vielleicht wäre es anders, jetzt, wenn das Fahrzeug die Hauptstraßen entlang in die Kreisstadt fuhr? Sybille hoffte es.

Was hast du so lange gemacht? hörte sie ihre Mutter fragen, die, genau wie die Schwester und der Bruder, zwischen dem Gepäck im hinteren Fahrgastraum saß, während der Vater ein letztes Mal neben seinem früheren Fahrer Platz genommen hatte.

Ich habe die Rollläden heruntergelassen, antwortete Sybille, und ich habe alle Türen geschlossen. Damit das Haus auch richtig verlassen aussieht, wenn wir weg sind.

(Eine ältere Version der obigen Kurzgeschichte habe ich schon einmal auf meinem Blog transsilabia.wordpress.com unter dem Titel „Aufbruch“ veröffentlicht; diese hier ist aber stark überarbeitet.)

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