Frau Holles Adventskalender: 21

21

Mir dauert das alles zu lange. Stundenlang sollen wir im Chor still stehen und seltsame Texte singen.  „Ihr Kinderlein kommet“, also ehrlich, wir sind doch schon da! „Leise rieselt der Schnee“ ist ein Witz und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ hängt mir auch zum Hals raus. Ich verstehe gar nicht, was ein „Mär“ ist und warum liegt das Kind in der Grippe? Warum verhält sich der See still und starr und was könnte lieblich schallen? Heißen etwa alle Schneeflocken Weißröckchen und wieso bleiben sie nicht in ihrer Wolke, wenn der Weg so weit ist? „Es ist ein Ros´ entsprungen“ habe ich noch nie kapiert. Können Rosen zu Weihnachten springen? Das fehlte noch! Das geladene Schiff ist mir unheimlich und wieso will der Tannenbaum uns sehr gefallen? Kann der etwa denken? Frau Holle sagt, er hat ein geheimes Leben und wer weiß, vielleicht will er tatsächlich lieber hier in der warmen, gemütlichen Stube stehen als im kalten Wald? Na, ich weiß nicht. Nicht mehr verwurzelt sein und trotzdem glücklich? Frau Holle macht sich etwas vor. Am schlimmsten aber ist die „Weihnachtsbäckerei“. Also Leute, wirklich. Müssen wir das immer wieder…..Ja, sagt Frau Holle, das gehört sich so. Wir Großen freuen uns so sehr darüber, wenn ihr Kinder das singt. Besonders zu Weihnachten.

Ich will das trotzdem jetzt nicht mehr üben. Ich freue mich auf das Heiligabend-Konzert, das wird gut. Für uns gibt es danach auch lecker Essen. Die Weihnachtsmänner werden lustig Rumtopf trinken und die großen Engel sind schon ganz aufgeregt und machen sich die Haare und malen sich die Lippen und wissen alle nicht, was sie anziehen sollen. Wir Kinder kriegen Geschenke und dürfen die ganze Nacht lang aufbleiben. Wir brauchen überhaupt nicht zu schlafen.

Geübt haben wir jetzt genug, finde ich.

Frau Holle nickt und sagt: „Ja, ich war auch mal Kind.“ Nein, also das glaube ich nicht. Wie soll das denn gehen? Immerhin gibt sie mir meinen Roller zurück und lässt mich sausen. Wie herrlich. Der Wind braust mir um die Ohren, die Flügel flattern und ich bin so glücklich. Ich drehe sieben Runden durch den Garten. Die Spatzen sind beunruhigt. Ich störe ihre Kreise. Na gut, fahre ich eben im Haus. Über Betten und Schränke und die Treppe hoch und runter.

Frau Holle packt Geschenke ein. Papier, Schleifen, Bänder, Glitzer und Tannenzweige! Ich nehme Anlauf und brause quer über den Tisch, zische durch das ganze Weihnachtspapier, so dass die Fetzen fliegen. Frau Holle schmeißt vor Schreck die Schere weg und meint, ich soll doch klingeln, bevor ich in ihre Nähe komme. Och nö, dann macht es doch keinen richtigen Spaß. Der  Engel-Bengel klatscht vor Freude in die Hände. Er möchte jetzt auch einen Roller. Frau Holle findet, das fehlte noch.

Mir dauert das alles zu lange. Heute ist erst Donnerstag! Noch dreimal schlafen, dann ist es soweit. „Frau Holle, können wir nicht gleich sofort heute anfangen?“ „Nein, natürlich nicht. Der Besuch ist doch noch gar nicht da. Außerdem ist Vorfreude die schönste Freude!“ Von wegen. Sie rumort im Bauch und ich will endlich anfangen mit den Feierlichkeiten. Keine Chance, Frau Holle ist stur. Altersstarrsinn nenne ich das. Aber nur ganz leise, sonst wird sie noch sauer, unsere süße Frau Holle. Gut, dass ich noch ein paar Runden mit dem Roller fahren kann. Das mildert die Vorfreude auf ein erträgliches Maß.

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Ich möchte einmal im Leben meinen Roller auf einen Regenbogen schieben und dann mit Anschwung runter sausen…….

Könnt Ihr es auch kaum noch erwarten? Warum fangt Ihr nicht jetzt sofort mit Weihnachten an, dann habt Ihr länger etwas davon. Man sollte doch immer mal wieder etwas Neues wagen, spontan sein und sich nicht immer auf den festgefahrenen Wegen aufhalten. Folge Deiner inneren Eingebung und warte nicht auf bessere Zeiten.

Ich fordere Freiheit für Weihnachten am 21. Dezember!

Frau Holle schüttelt den Kopf und schickt mich wieder in den Garten. Ich soll mich dort austoben….

Wir wissen: „Kinder an die Macht“ ist keine gute Idee. Gut, dass wir noch ein paar Tage Zeit für die Vorbereitungen haben und Vorfreude kribbelt so schön. Für kleine Leute ist das manchmal zuviel.

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