Verrückte Außenseiter – die Abgehängten

Nicht nur abghängt, sondern auch unsichtbar für die meisten, die an ihnen vorübergehen. Im Wortsinn verrückt wurden sie an den Rand der Gesellschaft oder auch darüber hinaus, weil sie nicht  – mehr – produktiv sind.

Was für sie das Schlimmste sei, wurde einmal in einer Dokumentation gefragt. Dass sie gar nicht wahrgenommen werden, nicht existent zu sein scheinen, außer als ein Etwas, das den Weg zum nächsten Termin stört. So berichteten es viele.

In meiner Studentenzeit in Frankfurt war es mir immer wichtig, Bettler oder Obdachlose wenigstens anzusehen, wenn ich knapp war und nichts geben konnte. Freundlich ansehen und auch mal ein paar Worte wechseln, so wie man es tut mit Menschen. Manche Schicksale haben mich sehr betroffen gemacht, mich nicht mehr losgelassen. Oft habe ich auf meinem Weg zu Fuß so viel Elend wahrgenommen, gespürt, gerochen, dass ich völlig fertig zur Wohnung kam. Aber wegschauen wollte ich auch nie. Keiner kann von sich sagen, er käme nie in eine solche Situation.  Wie oft schlägt das Leben so hart zu, dass plötzlich alles, wirklich alles, sinnlos erscheint. Dann sind wir schneller im Abstieg, als wir gucken können.

Seien wir dankbar, wenn es uns gut geht und gönnen auch nicht so Glücklichen wenigstens einen Blick, ein Wort. Das kostet doch nichts.

Lange habe ich es nicht ausgehalten in der Großstadt, weil ich schwer Distanz aufbauen konnte zu all dem. Also musste ich räumlich ein wenig zu der Überreizung schaffen. Aber ganz zumachen wollte ich nie, nur nicht kaputt gehen daran. Was das ist in mir, dass ich atmosphärisch alles aufnehme, was Menschen zusetzt, habe ich so richtig begriffen, als ich „Avatar“ gesehen habe. Auch in meiner Wahrnehmung ist alles miteinander verbunden und es könnte tatsächlich ein weltumspannender Pilz sein, der uns bindet und stützt.  Das war ein so wundervolles Bild, in dem ich mich sehen konnte. Ob dann da auch wieder welche kommen, die von jeglicher Menschlichkeit abgeschnitten alles zerstören wollen, ist erst einmal zweitrangig. Wachsam sein, sich wehren – natürlich. Auf die andere Seite wechseln – niemals. Ungeachtet der Konsequenzen. Ich werde verbunden bleiben, auch wenn es oft schmerzt.

Vielleicht sind das die wahren Außenseiter, weil sie eben keine Verbindung haben mit anderen Seelen – allein und leer mit ihren selbsttätigen, allwissenden Maschinen. Auch um die versuch ich mich manchmal zu kümmern, weil sie mir teilweise Leid tun.

Du bist verrückt – hör ich sie dann sagen.

Na, dann – wer nicht will, der hat schon.

 

8 Kommentare

  1. Mir geht es ähnlich, was die „Durchlässigkeit“ für die Zustände der anderen angeht. Das wollte ich nie haben, weil es mich sehr angestrengt und auch gelähmt hat. Im Suff saß ich in meinem Kokon, da kam keiner mehr durch. Es war ein vermeintlicher „Schutz“ … manchmal fehlt mir dieses Gefühl, heute. Auch, wenn ich mich alles in allem von meinem Schöpfer behütet fühle.

    Respekt & Grüße.

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  2. Das Gefühl das du beschreibst kenne ich sehr gut. Allerdings gehe ich damit anders um. Schon als Kind habe ich immer im Gegenüber gespürt wie andere sich „fühlen“. Als Kind lehnst du die negativen Emotionen erst mal ab. Aber mit der Zeit habe ich gelernt sie an mich ran zu lassen. In dem ich Interesse für sie entwickelt habe. Letztendlich stellte ich fest das hinter so gut wie jeder negativen Emotion Angst steckt. Angst etwas zu gewinnen, Angst etwas zu verlieren, Angst so zu sein wie man denkt. Aber Angst ist ein natürlicher Teil von uns allen. So konnte ich für mich die Emotionen der Anderen zu lassen. Ob nun positiv oder negativ. Heute laufen die Gefühle anderer durch mich hindurch und werden so etwas wie gefiltert. Ich empfinde es als Bereicherung. Unsere Gesellschaft ist eine Ersetzer Gesellschaft geworden. Kaputt weg. Langweilig weg. Gefällt nicht weg. Alles das nicht passt wird aussortiert. Und so wird auch mit Menschen umgegangen.

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    • Da hast du schon recht. Heute kann ich auch besser – meistens jedenfalls – bestimmte Dinge einfach abschließen.
      Aber ich habe selten etwas einfach hinnehmen, mich mit einer Antwort zufrieden geben können. Auch als Kind schon. Oft habe ich förmlich gerochen, dass etwas quer geht, Dinge im Gange waren, die völlig falsch waren. das hat mich verunsichert, aber keine Angst ausgelöst, sondern Zorn und den Willen, es zu verändern, zu helfen.
      Dieser tiefe Wille dazu war es vorrangig, der mich überfordert hat. Anzunehmen, dass man nicht allen helfen kann, man am Ende niemandem hilft, wenn man seine Kräfte verstreut anstatt sie auf jeweils einen Punkt zu konzentrieren, hat mir geholfen, mich nicht ständig zu überfordern. Ich habe gemerkt, dass ich stark sein muss, um überhaupt etwas zu bewirken. Und dass es Menschen gibt, die gar nicht wollen, dass sich etwas ändert. Das muss man auch akzeptieren bis zu einem gewissen Maß.
      Doch manchmal, habe ich ja schon beschrieben, bin ich geschwächt, kann ich die Stimmen und Filme nicht kontrollieren und alles stürzt über mir zusammen-

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      • Das Problem habe ich auch ab und zu. Dann überkommt mich auch Zorn. Wut das Menschen alles mit sich machen lassen. Wut das wir von Vollpfosten regiert werden. Dass die Menschen nicht das sehen was ich sehe. In solchen Situation genehmigte ich mir zwei, drei Kaffee und dann komme ich wieder runter. Es ist daher frustrierend aber dann kommt mir mein überschütterlicher Optimismus zu Hilfe. Der mir stets eine große Hilfe. Ich glaube daran das letztendlich alles gut wird. Also mein Optimismus sagt mir das und dann höre ich einfach auf ihn.

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