Gedankenallerlei

Seit etwa zwei Wochen lebe ich isoliert im Ausnahmezustand. Ich weiß, es geht wahrscheinlich den meisten Menschen auf der Welt schlechter als mir. Pandemien sind nichts Neues. Jetzt trifft es eben mich. Warum auch nicht? Es gibt zudem noch zahlreiche andere Themen, die wichtig sind. Aber sie betreffen mich momentan nicht so direkt, darum schreibe ich von mir und der Kontaktsperre, denn das Schreiben tut mir gut.

Ich lebe allein, also bedeutet die Kontaktsperre für mich, dass ich mich von allen Menschen fernhalten muss. Ich weiß, dass andere, die im Familienverband leben, auch zu kämpfen haben, aber mein Thema ist das allein Alleinsein, denn darin stecke ich auf unbestimmte Zeit fest.

Also, seit 17 Tagen bin ich isoliert. Ich bewege mich innerlich langsam auf das Geschehen zu. Ich nehme nicht alles auf einmal wahr. Das würde mich überfordern. Es würde mir nichts nützen, in Schockstarre zu verharren oder meine Panik zu beruhigen, indem ich mir ein Klopapier-Depot anlege.

Meine Gefühle wissen nicht so recht, wie sie sich verhalten sollen. Ich bin geduldig, habe jede Menge Zeit, ihnen meine Aufmerksamkeit zu widmen. Allmählich sortieren sie sich. Ich behalte die Oberhand.

Mein autistischer(?) Teil in mir freut sich, nicht raus und etwas unternehmen zu müssen. Er muss sich keine Gedanken mehr machen, ob er etwas unternehmen will oder lieber doch nicht. Er freut sich beim Einkaufen, dass die Menschen Abstand halten und ihm an der Kasse nicht auf die Pelle rücken. Zu Hause kuschelt er sich behaglich in die Wolldecke und genießt die verordnete Faulheit. Der Frühling lädt dazu ein, das Leben im Garten zu genießen, sich in die Sonne zu legen und sicher zu sein, nicht gestört zu werden. Nicht heute und nicht morgen und am Wochenende erst recht nicht. Ja doch, so lässt es sich aushalten und die Krise zieht irgendwann vorüber. Bis dahin chillen wir eben. Wir ist gut. Wo ist denn jetzt das WIR? Egal, sagt der autistische(?) Teil in mir, will etwas Süßes haben und sich in die Leseecke verkriechen.

Mein extrovertierter Teil nimmt das Telefon und telefoniert, bis die Ohren qualmen. Er ist sich sicher: die anderen sind am Festnetz erreichbar. Lange Gespräche mit Familie und Freunden ersetzen die persönliche Nähe nicht, helfen aber, sich nicht einsam zu fühlen. E-Mail, WhatsApp und meine kleine Bloggerwelt haben einen ähnlichen Effekt. Vielleicht schreibt er sogar morgen einen Brief? Oder übermorgen? Wenn ich unterwegs bin, möchte dieser Teil am liebsten mit allen quatschen, die mir begegnen. Mit zwei Meter Abstand natürlich. Seinen Impuls, alle zu umarmen, kann er gerade noch kontrollieren. Zum Glück, sonst würde es wahrscheinlich richtigen Ärger geben. Also, dieser kommunikative Teil sorgt gut für mich und erinnert mich daran, dass ich nicht ewig in Isolation leben werde. Eines Tages wird es wieder Reisen mit Freundinnen geben, Besuche und Umarmungen. Die Grenzen werden sich wieder öffnen.

Und wird dann alles wieder wie vorher sein? Mein Verstand sagt nein. Er möchte sich jeden Abend informieren, um das Geschehen einzuordnen. Er ist ratlos, denn er hat so eine wirre, irre, blöde Situation noch nie erlebt. Er sieht sich Talkshows an und freut sich, wenn Psychologen und Philosophen zu Gast sind. Er arbeitet hart, mein Verstand und hält die Angst im Griff. Sie ist berechtigt und wichtig, aber sie soll nicht alles andere überschatten. Das möchte sie manchmal ganz gerne, aber sie muss sich fügen, wenn die Vernunft sie in die Arme nimmt.

Ja doch, mir geht es gut. Die Rente erreicht jeden Monat mein Konto und wird sogar im Sommer erhöht. Um das Wohnen und Essen muss ich mir also keine Sorgen machen. Ich sitze stundenlang am PC und schreibe. Das hilft mir, wie auch das Fotografieren, mich zu erden. Ich hoffe, gesund zu bleiben. Ich pflege mich und meine Wohnung, obwohl ja doch niemand kommt. Ich sorge für eine neue Routine, jetzt, wo alle Termine ausfallen. Ich zähle nicht die Tage, die ich nun schon alleine bin. 😳Oh, das ist fast gelogen.

Was in vier Wochen mit mir los sein wird, weiß ich noch nicht. Wie lange kann ich alleine sein und trotzdem lebensfroh bleiben? Ich kann es nicht voraussehen, denn so eine extreme Erfahrung habe ich ja noch nie gemacht.

Gemeinsam schaffen wir das, sagen meine Söhne, sagen meine Freunde. Wie gut, dass sie mir doch so nah sind, auch wenn sie sich nicht in meiner Nähe aufhalten. Ich höre und spüre sie. Und das reicht erst einmal.

Es ist jetzt eben so.

 

4 Kommentare

    • 💖 Danke, liebe Katrin, und ich drücke ganz fest zurück!🌞 Bei Euch ist es wahrscheinlich erst recht schwer, gelassen und zuversichtlich zu bleiben. Wahrscheinlich hilft auch Dir das Schreiben über diese Zeit hinweg. Es verbindet uns und wir fühlen uns nicht einsam, auch wenn wir alleine sind. Liebe Grüße! Regine

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