Frau Holles Adventskalender: 6

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Dieser Engel begleitet mich fast mein ganzes Leben lang. Als ich vier oder fünf war, fand ich ihn in meinem Schuh. Im Schuh, den ich zusammen mit seinem Zwilling am Vorabend geputzt und gewienert hatte, bis er so glänzte, wie er nur am 5. Dezember glänzen kann. Erst musste ich sie mit der Schmutzbürste säubern, dann mit Schuhcreme bearbeiten und dann gaaaanz lange mit der weichen Bürste blank putzen. Kennt Ihr das noch?

Dieser Engel ist das erste Nikolausgeschenk, an das ich mich erinnern kann. Er war so überirdisch schön. Im anderen Schuh war übrigens ein klitzekleiner Besteckkasten mit Messer, Gabeln und Löffel für meine Puppen. Natürlich waren auch Süßigkeiten und eine Apfelsine dabei.

Dieser Engel hat jedes Weihnachten mit mir verbracht. Immer. In manchen Jahren durfte er auf der Tannenbaumspitze thronen. Ich mag ihn am liebsten von allen, auch wenn er seinen Heiligenschein und seine Haare verloren hat. Er ist eben sechzig Jahre alt. Dafür hat er sich gut gehalten. Das sagt man manchmal auch  zu mir. Oh, für Dein Alter siehst Du aber noch gut aus. Du hast Dich gut gehalten. Ist das eigentlich ein Kompliment? Ich bin mir da immer nicht so sicher.

Der Engel erinnert mich daran, dass Weihnachten eine ambivalente Angelegenheit ist. Ihr habt sicher schon gemerkt, dass bei mir der religiöse Aspekt keine große Rolle spielt. Trotzdem kommen viele von uns, die hier aufgewachsen sind, um Weihnachten nicht herum. Man mag es mögen oder nicht, kalt lässt es wohl die Allerwenigsten. Es hängen so viele Gefühle und Erinnerungen an diesem Fest.

Wenn ich mir diesen Engel anschaue, denke ich daran, dass es einige Jahre gab, in denen ich Weihnachten schwer aushalten konnte. In denen ich geliebte Menschen schmerzlich vermisste. In denen mir die Diskrepanz zwischen meinen Wünschen und meiner Realität die Laune verdarb. In denen ich unter der Werbung, dem verordneten Glück und der hochgekochten Freude litt. Wahrscheinlich wissen die meisten von Euch, wovon hier die Rede ist.

Ich bin dankbar, dass ich seit einigen Jahren meinen Frieden mit dem Fest gemacht habe. Meine Erwartungen entsprechen der Realität. Das  entlastet, macht friedlich und plötzlich tun sich ganz neue Möglichkeiten auf. Ich habe meine Vorfreude wieder gefunden.

Ja, mein liebster alter Engel, wir zwei wuppen das. Ich freue mich, dass es Dich noch gibt. In diesem Jahr siehst Du besonders zufrieden aus. Heute Nacht hatte ich einen Traum. Ich glaube, da hatte der Engel Nr. 5 seine Hand im Spiel. Im Traum lachte ich so heftig, dass ich davon aufwachte. Was war das denn?

Ich wünsche Euch allen einen lustigen, friedlichen, erfüllten oder was auch immer Nikolaustag. Macht es Euch schön und ich finde, die Ambivalenz ist gut auszuhalten.

Eure Regine

Wir wissen: Wir müssen nicht unentwegt glücklich sein. Wir können uns auch eine Pause von Weihnachten gönnen. Weihnachten kann manchmal richtig schlimm sein. Es wird besser. Alle Menschen und Engel über 60 dürfen sich heute ganz doll geliebt fühlen, von wem auch immer!

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4 Kommentare

  1. Danke, liebe Regine. Ich fühle mich gerade von deinen Wünschen sehr persönlich angesprochen. Als Mensch über 60, die zu Weihnachten mal wieder nicht nur Freudentränen vergießen wird und sich trotzdem darauf freut. Eine schöne Zeit auch dir!

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    • Ich danke Dir für diese nette Rückmeldung! Ich habe die Weihnachten meiner Kindheit als die schönsten in Erinnerung. Aber das erleben wahrscheinlich alle Menschen ähnlich. Ich wünsche Dir einen schönen Nikolaustag mit Deinen Enkelkindern! Regine

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      • Ich weiß nicht – die Weihnachtsfeste mit meinem Mann, wenn meine erwachsene, aber noch ledige Tochter zu Besuch da war, habe ich auch in sehr schöner Erinnerung. Sie spielte meist einen Christengel und schleppte die Geschenke unter den Baum, und dann wurden sie gaaaanz langsam geöffnet. Und mein Mann kochte Maultaschensuppe. Nun ja. Mit der Enkelin und meinem Mann hatten wir ein einziges Weihnachtsfest gemeinsam, als das Kind noch ein Baby war und so gut wie nichts mitbekam, aber es war trotzdem sehr schön. Irgendwie werde ich es auch allein wieder feiern, da bin ich trotzig, ich besuche einen Gottesdienst, schmücke mir ein Bäumchen, singe Lieder und lese die Weihnachtsgeschichte. Oder so ähnlich. Danke jedenfalls für deine Wünsche.

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    • Na ja, die Weihnachten mit meinen Kindern waren auch immer sehr schön, klar. Aber als Kind hatte ich so große Gefühle, die waren später natürlich nicht mehr da.
      Nach meiner Scheidung mussten wir als Familie erst wieder zusammenfinden und uns neue Rituale für Weihnachten ausdenken. Es hat gedauert, aber jetzt wissen wir, wie wir es uns wieder richtig schön machen können. Und siehe da: mein Ex-Mann feierte im letzten Jahr sogar mit. So entspannt konnten wir das früher nie tun. Ich denke, ich könnte es mir auch schön machen, wenn meine Kinder einmal andere Pläne haben und nicht zu mir kommen wollen. Das soll bei erwachsenen Kindern ja vorkommen. Aber in diesem Jahr kommt mindetsens eins. Und das ist natürlich ganz wunderbar!

      Du bist scheinbar gerade dabei, Dich neu einzurichten. Das ist nicht leicht, gerade zu Weihnachten nicht, ich weiß. Trotz ist hilfreich und Du hast Pläne. Ich wünsche Dir, dass es mit der Weihnachtsfreude gelingen mag! Liebe Grüße! Regine

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