Der Mann am Küchentisch

Er war die ganze Nacht durchgefahren. Nach einem langen Arbeitstag. Das nahm er auf sich, um am Morgen mit seiner Familie zu frühstücken und die kleine Tochter selbst zum Kindergarten zu bringen. Er hatte es versprochen, er freute sich darauf. In dieser Woche war es ihm wirklich gelungen, schon am Donnerstag  Abend sein Wochenpensum erledigt zu haben.

Die Fahrt von Berlin in Richtung Frankfurt war ohne Probleme verlaufen. So hatte der junge Mann viel nachdenken können. Ideal war die Situation wirklich nicht. Aber wenn er in seinem Beruf vorankommen wollte, musste er Aufträge annehmen, die es nur in den großen Städten gab. Dennoch vermisste er die Zeit, in der er Frau und Kind täglich gesehen hatte, die Kleine am Morgen gemütlich in ihrer Kita-Gruppe  abliefern hatte können.

Schade, dass seine Frau sich beharrlich weigerte,  als Familie zusammen zu den Einsatzorten zu ziehen. Statikerinnen wurden doch überall gebraucht. Und solange die Kleine noch nicht zur Schule musste … Schon das Jahr in München hätte so schön sein können mit Familie. Ein Haus hätte man ihnen gestellt und das eigene wäre für ein Jahr auch zu vermieten gewesen.

Aber Sabine war nicht zu überzeugen gewesen. Er hatte ohnehin das Gefühl, dass sie ständig Konkurrenz zwischen ihnen beiden aufbaute. Jedes Mal, wenn er von einem Headhunter für ein neues Projekt angeworben wurde, hatte sie tagelang schlechte Laune. Von Preisen und Belobigungen erzählte er ihr schon gar nichts mehr. Ihm war das alles nicht so wichtig, sie würde es wieder kränken.

Er wäre ja auch geblieben und hätte sich mit weniger Geld begnügt, etwas bescheidener gelebt. Aber sie wollte auf keinen Fall auf die Pferde verzichten, nicht ein einziges. Haus und Pferde und zwei Urlaube pro Jahr waren dann aber nicht mehr finanzierbar, obwohl sie beide arbeiteten.

Oft blieb er an den Wochenenden allein zu Hause, damit sie auch einmal ausgehen konnte. Ihr fiele die Decke auf den Kopf und ihr Leben sei zu Ende seit dem Kind. Also gönnte er ihr die freien Stunden.

Nur noch zehn Minuten, dann wäre er daheim. Endlich. Einen Tag früher als erwartet. Er wollte nicht mehr grübeln. Schnell noch Brötchen holen und dann ein gemütliches Frühstück richten. Sicher schliefen sie noch, er würde sie überrraschen. Voller Vorfreude schloss er die Haustüre auf.

Es wurde bereits gefrühstückt. Am Tisch saß neben seiner Frau und der Tochter ein Mann im Unterhemd. Sein Schritt stockte. Natürlich gab es eine Erklärung für diese Szene. So habe sich der Mann, ein Bauleiter, mit Kaffee bekleckert und deshalb sein Hemd ausziehen müssen. Er wollte Sabine zu einer außerordentlichen Baubesichtigung abholen.

Wer`s glaubt! Er wollte es glauben. Kleine Zweifel wurden eliminiert. Für`s Erste.

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4 Kommentare

  1. Hallo Caroline, ich danke Dir für diesen Beitrag und ich veröffentliche auchdie gleichen Beiträge doppelt, wenn sie passen. Ich finde das völlig in Ordnung. Zu Deiner Geschichte fiel mir spontan ein, dass ich auch in meiner Beziehung jahrelang die Augen und Ohren fest verschloss, wenn etwas passierte, das nicht zu meinen Wünschen und Vorstellungen passte. Erst heute sehe ich, was ich alles nicht gesehen habe.
    Liebe Grüße! Regine

    Gefällt 1 Person

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