Abstand zu Gedichten

Muss man Abstand zu Gedichten haben? Nein, das muss man nicht, und zwar in keinerlei Hinsicht. Man hat ihn aber zwangsläufig unter bestimmten Bedingungen, und zu diesen gehört, wenn die Gedichte in Bäumen hängen.

Ich habe endlich einen Weg gefunden, meine Gedichte einem größeren Publikum näher zu bringen, abgesehen von dieser Plattform. Nein, ich habe keine Lesung veranstaltet, und ich habe auch nicht den Traum eines jeden Dichters, eine Veröffentlichung, erfüllt bekommen. Ich habe mir eine eigene Plattform geschaffen. Ich hänge sie, wie schon angedeutet, in Bäume. Natürlich hänge ich sie nicht in 22 Meter Höhe in den Teutoburger Wald, wo nur selten jemand vorbeikommt, der gleichzeitig ein sehr gutes Zeiss-Glas mit sich führt, um die Texte vom Waldboden aus zu studieren. Ich bin nämlich schlau. Ich habe sie in Alleebäume gehängt, die einen sehr schönen und häufig begangenen Grünzug im Bielefelder Osten säumen. Obwohl der Bielefelder Osten, in dem auch ich lebe, von einem nicht unerheblichen Anteil Menschen bewohnt wird, die der eine oder andere vielleicht hinter vorgehaltener Hand als bildungsfern bezeichnen würde, bin ich doch voll guter Hoffnung, dass sich immer mal jemand erbarmt und vor den Bäumen, an denen meine Gedichte in 2,5 Meter Höhe hängen, stehen bleibt, jedem inneren Abstand entsagt und sie ergriffen aufnimmt.

Heute Abend schritt ich zur Tat. 2 Gedichte, fett gedruckt im DinA4-Format und laminiert, hängen seitdem mit Hilfe einer Drahtöse(lies: Draht-Öse) an dünnen Ästen. Die offene Öse ist mit einem Widerhaken gesichert und kann nur manuell wieder vom Ast gelöst werden. Platziert habe ich die Konstruktion mit Hilfe eines langen Bambusstabes, der einerseits mit einer Gabel versehen ist, um die Öse über den Ast zu heben, andererseits mit einem seitlichen Haken versehen ist, um die Öse nach unten über den Ast zu ziehen.

Der Abstand ist so groß, dass die Texte vom Boden aus ohne Hilfsmittel unerreichbar sind, aber doch lesbar. Niemand wird gezwungen, sich mit ihnen zu beschäftigen, und gleichzeitig sind sie jedem Menschen frei zugänglich. Ich fahre diesen Weg täglich zur Arbeit und bin ganz gespannt, ob ich irgend eine Resonanz erleben werde.

 

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24 Kommentare

  1. Lies mal Drah-Töse. Hihi.
    Gibt dem Wort einen neuen Geschmack.

    Eine schöne Idee. Ich hoffe sie wird als Einladung zum Lesen aufgenommen und nicht zum Zerstören.
    Mach doch mal ein Bild davon und setz es hier mit rein.

    Gefällt 2 Personen

  2. Hallo Madddin! Kennst du vielleicht auch die Idee „Pflück dir ein Gedicht“? Dabei werden die Gedichte allerdings auf kleinen handlichen Zettelchen auf einer Leine aufgehängt, und der Interessierte kann sich eines oder auch mehrere, je nach Lust und Laune, mitnehmen. Liebe Grüße, Beate

    Gefällt 4 Personen

  3. So tolle Ideen hier im Blog zu lesen.
    Das ist sicher auch etwas für meine Wesen,
    die aus dem Internet endlich in die Freiheit wollen.
    Misi, der Frosch, wird das sicher wollen sollen.
    Ich könnte die Texte auch an die Haustür kleben
    und, wenn jemand stehen bleibt zum Lesen,
    kriegt er ganz schnell von mir einen Kuss….
    😳
    Nein, jetzt ist aber wirklich Schluss!
    Du hast mit Deinen Gedichten ja ganz etwas anderes vor!
    Das ist mir natürlich völlig klor!

    Maddin, entschuldige diesen Quatsch. Die Hitze macht mich fertig! Liebe Grüße und ich finde Deine Idee wirklich supertollgutprima! Regine

    Gefällt 1 Person

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