Und jetzt alle: Schön achtsam sein!

Liebe Leser, heute darf ich meinen ersten Blogbeitrag bei Herz und Verstand veröffentlichen – und sogleich will ich was riskieren. Ich meine, wer traut sich schon etwas Kritisches zum Thema Achtsamkeit zu schreiben?

Mal ehrlich: zu diesem Thema darf man ja eigentlich nur eine Meinung haben: Achtsamkeit ist toll. Punkt. Das ist so ähnlich wie bei einem Rudel junger Hunde oder einem Wurf Katzenbabys. Die findet auch jeder toll. Punkt. Auch wenn sie zum 150. Mal auf den Wohntimmerteppich pinkeln…

So ähnlich ist es mit der Achtsamkeit: irgendwie passt sie ja immer. „Wäre ich nur da oder da achtsamer gewesen, DANN…“ oder „Wären die anderen doch achtsamer, dann, ja DANN… (ist der Weltfrieden reine Formsache…)“

Damit will ich nicht sagen, dass Achtsamkeit etwas Schlechtes ist – ganz im Gegenteil! Ich hege allerdings eine gesunde Skepsis gegenüber Trends, die das große Heil versprechen und doch ganz einfach in den Alltag zu integrieren sind…

Ich kann das einfach nicht mehr hören: „Diese 10 Minuten am Tag hat doch wohl jeder!“ Wobei schon gleich der Vorwurf mitschwingt: „und wenn nicht ist man einfach nur faul oder mies und gemein.“ 

Für mein Verständnis ist Achtsamkeit ein Teil von etwas Großem. Ein wichtiger Teil, ohne Frage, aber eben nur ein Teil. Eher wie ein Symptom, aber nicht die Ursache:

Wenn ich zu dem Schluss komme, dass Achtsamkeit für mich wichtig ist, dann ist klar, dass ich noch nicht genug achtsam bin. Da kommt bei mir die Frage auf: „Warum bin ich nicht achtsam?“. Diese Frage muss ich mir selbst dann ehrlich beantworten. Ich tippe darauf, dass viele Menschen so etwas erwidern wie: „Ich habe es eilig / Ich habe zuviel zu tun / Mir war nicht bewusst, daß man das auch anders sehen kann / Das machen doch alle anderen genauso…“

Ich bin der festen Überzeugung, daß jeder Mensch sich so gut verhält, wie es ihm oder ihr gerade möglich ist. Ein Beispiel: Erinnere Dich daran, wie Du Dich fühltest, als Du das letzte Mal über beide Ohren verliebt warst: Ich, zum Beispiel, trug die ganze Zeiten ein Lächeln auf den Lippen, ich wollte am Liebsten alle Menschen in meiner Umgebung umarmen und ihnen von meinem Glück abgeben, plötzlich nahm ich Gerüche, Farben, Stimmungen, Licht viel intensiver war, mein Herz war ganz aufmerksam und mich konnte nichts erschüttern – auch wenn der Chef (der gestern noch nörgelte) heute herausfordernde Aufgaben hat.

Jetzt denke an jemanden, der Dir gerade die Laune verdirbt (der nörgelnde Chef zum Beispiel): Warum verhält er sich so? Warum kriegt er nicht mit, wie es Dir dabei geht? Warum ist er so unachtsam? 

Weil er es in diesem Moment nicht besser kann. Punkt.

Aus welchem Grund diese Person in diesem Moment nicht so gut auf Dich eingehen kann, kann ganz vielfältige Gründe haben: Vom ewig schmerzen Ischias über anstrengende Personen im Umfeld (Kinder, Schwiegereltern, der Chef, die Kunden, der Nachbar mit dem blöden Rechtsstreit, der sich schon seit Jahren zieht…) bis hin zu den eigenen Glaubenssätzen und Dämonen (Ich muss IMMER besser sein als meine Angestellten, Ich darf mir keine Fehler erlauben, Von mir hängt alles ab). 

Ich glaube, jeder von uns hat von solchen Dingen eine ganz gute Vorstellung. Und ich denke jeder von uns war schon in so einer Situation, in der wir andere übergangen, weggebügelt oder überrollt haben. 

Nicht weil wir sie verletzen wollten. Nicht weil wir nicht wussten, wie man respektvoll miteinander umgeht oder was Achtsamkeit ist.

Sondern, weil wir es in der Situation nicht anders konnten. Es ging einfach nicht – auch, wenn wir uns etwas anderes wünschten. 

Wisst ihr, was ich meine?

Und aus genau diesem Grund greift für mich das „Allheilmittel“ Achtsamkeit zu kurz: Für ein gutes Miteinander geht es um so viel mehr: Vor allem um Verzeihen, bedingungslose Liebe, Mitgefühl, Geduld, Großzügigkeit, Freudvolle Anstrengung, Mitfreude, Überschuss, Demut, Weisheit – um nur ein paar zu nennen.

All das ist schon eine ganze Menge und wird mir schnell zuviel – vielleicht geht euch das auch so. Ich bin keine Heilige, will aber Gutes tun. Da greift für mich das Konzept der richtigen Motivation und Ausrichtung am Besten. Dann ist es auch überhaupt nicht schlimm, wenn ich nicht alles perfekt oder richtig mache, solange ich nur in die richtige Richtung laufe, komme ich auch da an, wo ich hin will – und Morgen ist auch noch ein Tag…

Aber nochmal zurück zur Frage:  „Warum bin ich nicht achtsam?“ Wenn ich mir meine ehrliche Antwort ansehe und dann die nächste Frage stelle, komme ich schnell auf eine Ebene, auf der es für mich ungemütlich wird. Echt unangenehm. Ich lenke die Aufmerksamkeit in Lebensbereiche, die ich gerne vor anderen und mir selbst verstecke. Mein Dialog mit mir selbst könnte so aussehen:

Frage: Warum war ich vorhin meinem Arbeitskollegen gegenüber so unachtsam?

Antwort: Weil ich so sehr damit beschäftigt bin, meinen Job gut zu machen. Ich muss perfekt sein und kann mir keine Fehler erlauben!

Frage: Aus welchem Grund kannst Du Dir keine Fehler erlauben? Was ist denn das letzte Mal passiert, als Du einen gemacht hast?

Antwort: Eigentlich nichts. Ich dachte, mein Chef schreit mich an, aber die Aufgabe war dann eben am nächsten Tag fertig und das hat locker gereicht…

Frage: Also? Warum musst Du perfekt sein?

Antwort: Hm, ich weiß es nicht. Lass mich darüber nachdenken… Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein, nicht zu genügen.

Frage: Aus welchem Grund denkst Du, Du bist nicht gut genug?

Siehst Du, wo das hinläuft?

Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Wenn wir es ernst meinen und üben unsere Umwelt sowie uns selbst feiner und genauer wahrzunehmen, dann kommen wir an einen Punkt, an dem Veränderungen – auch schmerzliche Veränderungen – unumgänglich sind. An diesem Punkt brauche ich mehr Hilfe, Unterstützung, Tools, kluge Ideen und Lösungen als bloß Achtsamkeit (auch wenn mich diese an den besagten Punkt gebracht hat). 

Etwas Allumfassendes. 

Das Thema dieses Blogs bringt es für mich gut auf den Punkt: Es braucht eine Kombination aus Herz und Verstand. Ich kenne es als Mitgefühl und Weisheit aus dem Mahayana Buddhismus und kann es nur empfehlen.

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27 Kommentare

  1. Hallo Christine, ich grüße dich!
    Es ist mir ein Bedürfnis dir meine Sichtweise dazu mitzuteilen.
    …. wenn du das so empfindest, „Trends, die das große Heil versprechen und doch ganz einfach in den Alltag zu integrieren sind…“
    hast du mach meinem Empfinden irgend Etwas entweder verkehrt oder gar nicht verstanden….
    Tut mir leid, aber so empfinde ich es….!
    Alles Gute dir!
    M.M.

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    • Liebe Monika-Maria,
      es muss Dir nicht leidtun, im Gegenteil: Ich bin froh, dass wir uns austauschen.

      Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob Du den Artikel nach der von Dir zitierten Stelle noch weiter gelesen hast? Ich könnte mir vorstellen, dass es noch andere Menschen gibt, die zum Thema Achtsamkeit andere Sichtweisen haben, denen es schwerfällt hier einen Zugang zu finden. Vielleicht ist Achtsamkeit für uns dann nicht die richtige Methode.

      Aus diesem Grund habe ich diesen Text geschrieben, das war mir sehr wichtig: Für die Vielfalt zu schreiben, für die Freiheit anders denken und aus Denkmustern ausbrechen zu dürfen. Naja, mir fällt „einfach nur“ achtsam sein sehr schwer und ich möchte anderen Menschen, denen es genauso geht, Mut machen, sich noch andere Wege zu suchen, wenn es mit der Achtsamkeit nicht so gut funktioniert😊

      Ich wünsche Dir noch einen schönen Start in den Tag😊

      Deine Christine

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      • Danke liebe Christine für deine Ausführungen und Ehrlichkeit.
        Ich glaube bei allem was wir zu oder tun wollen, ist es notwendig eine gewisse Übung darin zu erlangen.
        Übung macht den Meister, ein Sprichwort das ich als Kind oft, von meiner Oma gesagt bekam.
        Vielleicht geht es auch e
        Hab es gut, bleib gesund und gesegnet.nfach nur um das immerwährende Bemühen.
        Das geht dies in die Praxis über.

        Vielleicht, oder wahrscheinlich sicher, ist bei mir so manches was du geschrieben hast, anders angekommen, als es von dir gemeint war.
        Ich habe auf dieses für mich so wichtige Thema höchst sensibel reagiert.

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      • Liebe Monika-Maria,

        ich freue mich so sehr über unseren Austausch! Ich kenne viele Menschen, die sensibler sind als ich und bin immer wieder erstaunt und positiv überrascht wie diese lieben Personen (mit den anderen treffe ich mich nicht) ihre Umwelt wahrnehmen und was ihnen so auffällt. Für mich ist der Austausch dann wie ein zusätzlicher 6. Sinn und ich empfinde ihn als eine Bereicherung für mein Leben. Mit gegenseitigem Respekt haben wir dann ein schönes Miteinander, das macht mich sehr froh – gemeinsam schaffen wir dann tolle Dinge😊 Stetiges Bemühen und nicht aufgeben, wenn es nicht klappt und/oder schwierig ist, halte ich auch für eine wichtige Grundlage auf dem Weg😊

        Viele Grüße (heute mal aus Berlin)
        Christine

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  2. Guten Morgen Christine.
    Erst einmal herzlich willkommen bei uns.

    Du hast geschrieben: „Für ein gutes Miteinander geht es um so viel mehr: Verzeihen, bedingungslose Liebe, Mitgefühl, Geduld, …..“
    Ich finde die ganzen Beispiele die du hier nennst gehören auch zur Achtsamkeit. Achtsamkeit anderen gegenüber. Die Achtsamkeit ist ein großes Feld und jeder interpretiert etwas anderes hinein. Aber Achtsamkeit bedeutet nicht nur für sich selbst, sondern auch für sein Umfeld, die Umwelt alles was es gibt. Man kann Achtsamkeit alles und jeden gegenüber ausüben.
    Das dies oft zu kurz kommt ist klar, manchmal hilft es aber auch kurz anzuhalten und nachzudenken. Mach ich den Stress da jetzt mit, antworte ich patzig zurück, bin ich beleidigt weil mich jemand angemeckert hat.
    Nächste Woche schreibe ich über „die Achtsamkeit anderen gegenüber,“ vielleicht verstehst du dann was ich meine.
    LG, Nati

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    • Liebe Nati, vielen Dank für Deinen Willkommensgruss😊

      Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Artikel zu diesem Thema und ich danke Dir für Deine Sichtweise. Die Beispiele, die Du oben beschreibst, interessieren mich ebenfalls sehr brennend – eigentlich schon mein Leben lang.

      Für mich persönlich ist es dann viel hilfreicher, noch mehr Möglichkeiten zu haben als in mich hinein horchen oder mich in andere zu versetzen. Damit habe ich einfach Schwierigkeiten, zum Beispiel wenn ich wütend bin. Was tue ich, wenn mich jemand ungerecht behandelt und ich darüber wütend bin? In dem Moment hilft mir persönlich Achtsamkeit nicht weiter. Vielleicht bin ich einfach zu grobmotorisch oder nicht so sensibel wie andere. Für Menschen, denen es so ähnlich geht wie mir, ist dieser Text.

      Es gibt aber Methoden, die bei mir ganz exzellent funktionieren und ich bemerke, dass ich durch die regelmässige Praxis unter anderem viel achtsamer geworden bin. Es taucht öfters der Gedanke auf: „Huch, vor einem Jahr hätte ich noch ganz anders reagiert“…

      Es gibt so viele Methiden, mit denen man sein Glück finden kann, weil wir alle unterschiedlich sind.

      Aus diesem Grund freue ich mich auch über einen weiteren Austausch😊

      Viele, liebe Grüße
      Christine

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      • Liebe Christine.
        Ich denke nicht das du gefühlsmässig Grobmotorisch bist. Ich kann auch nicht immer so reagieren wie ich es vielleicht gerne hätte. Wir sind alle Menschen und keine Maschinen. Es ist auch Tagesabhängig wie man reagiert. Mal kann man über etwas einfach nur lächeln und ein anderes Mal flippt man völlig aus und wünscht den Gegenüber auf den Mond.
        Aber du hast recht, man lernt mit der Zeit und verändert sich. Ich staune auch manchmal über mich selbst wie ich früher in manchen Situationen reagiert habe. Aber das ist gut, so merke ich das ich mich weiterentwickel und nicht stehen bleibe.
        LG, Nati

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  3. …. noch einmal weil zuerst beim absenden etwas durcheinander geraten ist ….

    Danke liebe Christine für deine Ausführungen und Ehrlichkeit.
    Ich glaube bei allem was wir tun oder tun wollen,
    ist es erforderlich, eine gewisse Übung darin zu erlangen.

    „Übung macht den Meister“, ein Sprichwort das ich als Kind oft,
    von meiner Oma gesagt bekam.

    Ich glaube es geht, bei der Achtsamkeit, wie bei vielen anderen Dingen,
    um das immerwährende Bemühen.
    So geht alsdann das Geübte nach und nach in das tägliche Leben über´.
    Man tut einfach ganz automatisch und selbstverständlich.
    Mach dir keinen Druck, denn das ist hinderlich.

    Vielleicht, oder wahrscheinlich sicher,
    ist bei mir so manches was du geschrieben hast,
    anders angekommen, als es von dir gemeint war.
    Ich habe auf dieses für mich so wichtige Thema höchst sensibel reagiert.

    Ich wünsche dir alles Gute!
    Freude, Frohsinn, ein unbeschwertes Herz und viel Segen!
    M.M.

    Gefällt 2 Personen

  4. Eigentlich hat Achtsamkeit in der klassischen Definition nur mit Wahrnehmung zu tun. Achtsamkleit ist weder Empathie noch das Tun guter Werke. Achtsamkeit ist die Wahrnehmung dessen was ist, so wie es ist und nicht das Handeln, das sich möglicherweise oder auch nicht aus der achtsamen Wahrnehmung ergibt
    Freundliche Grüße an alle.

    Gefällt 2 Personen

  5. Hallo Christine, ich danke Dir sehr für Deinen ersten Beitrag hier im Blog. Von Zeile zu Zeile wurde ich fröhlicher, denn Du hast genau das beschrieben, was ich über Achtsamkeit denke und fühle. Ja, ja: ich kann auch nicht achtsam sein, wenn ich wütend bin. Ich bin aber dabei, den Zorn zu integrieren und vielleicht gelingt es mir dann besser. Übrigens glaube ich nicht daran, dass es erstrebenswert ist, immerzu achtsam zu sein. Auch die Achtsamkeit braucht ihre Pausen! Liebe Grüße und ich würde mich sehr über weitere Beiträge von Dir freuen! Regine

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    • Liebe Regine, vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Du sprichst mir so aus dem Herzen. Ich freue mich so sehr auf diesen tollen Austausch hier – das bedeutet mir sehr viel😊

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  6. Liebe Christine,

    nachdem es dann doch irgendwie geklappt hat, dass WordPress Dir erlaubt hat, als Autorin unseren Blog zu bereichern. Welcome on Board 🤗
    Wir freuen uns.

    Dein Beitrag… ich gebe Dir Recht, Achtsamkeit, immer nur auf sich achten, ist nicht das Allheilmittel, damit es uns gut geht. Ohne Wertschätzung, Liebe, Sympathie und vieles mehr dem Anderen gegenüber ist die eigene Achtsamkeit nur Egoismus und ohne Bezug zur Umwelt, die uns umgibt. Dass man sich in bestimmten einfach so verhält, sind viellicht tatsächlich Momente, in denen man nicht anders konnte, aber vielleicht sollten wir aus solchen Situationen lernen, achtsamer sein?

    Liebe Grüsse
    Thomas

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