Sein letzter Gag

Dieses 1. Kapitel einer noch zu vollendenden Kurzgeschichte passt gut zum Monatsthema ‚Stationen‘.

Ein Wespe, summend vor Erregung, zog unsichtbare Linien über das Fensterglas, eine nach der anderen, immer von unten nach oben. Halb fliegend, halb laufend, versuchte sie, in’s Freie zu gelangen, nicht begreifend, dass durchsichtig nicht gleichbedeutend mit durchlässig ist. Seit einer halben Stunde beobachtete er das Insekt. Der Pfleger hatte das Fenster gekippt und seinen Einwand, nun, im September, flöge doch alles mögliche, vor allem aber Wespen, in die Räume, und er habe keine Lust, gestochen zu werden, beiseite gewischt. „Opa,“ hatte er gesagt, „hier stinkt’s! Wir müssen auch mal lüften! Außerdem stechen sie nur, wenn man nach ihnen schlägt. Willst du eine Wespe schlagen? Du kannst ja froh sein, wenn du den Arm noch hoch kriegst. Von anderen Sachen mal ganz abgesehen…hahaha!“

Prustend verließ er das Zimmer, seine Schritte verhallten schließlich zusammen mit seinen kaum unterdrückten Lachanfällen auf dem langen Flur.

‚So ein Arschloch’, dachte er. ‚Respektloses Arschloch, wenn ich könnte…’. Doch er wusste, er war kein Gewaltmensch, auch früher nicht, als er jung und gesund war, als er wie ein Irrwisch über die Bühne fegte, nicht zu bremsen, Gags ausspuckte wie ein Maschinengewehr Kugeln, als niemand vor ihm sicher und die Frauen scharf auf ihn waren.

Die Wespe holte ihn aus seinen Erinnerungen. Der Klang ihres Fluges hatte sich verändert. Sie kreiste zwei mal durch sein Zimmer, überflog seine Bettdecke und ließ sich auf dem Hörer des Telefons nieder, das links neben ihm auf dem Nachtschränkchen stand. Es war ein altertümliches Modell aus ligustergrünem Kunststoff mit Wählscheibe, auf dessen Anschluß er bestanden hatte, obwohl ihm natürlich die Vorteile eines Smartphones bekannt waren. Er hatte beschlossen, in diesem Punkt stur zu sein, schließlich bezahlte er viel Geld für Unterkunft und Pflege und konnte erwarten, dass ihm seine Wünsche weitestgehend erfüllt würden. Das Internet war ihm egal, und fotografiert hatte er auch früher nicht, also reichte ein einfaches Telefon. Punktum!

Er schaute finster auf das Telefon. Noch nie hatte ihn jemand in der berühmten Pflegeanstalt ‚Himmelspforten’ bei Bielefeld angerufen. Seit fast fünf Jahren sammelte sich Tag für Tag Staub auf dem Gerät. Einmal in der Woche wurde es flüchtig abgewischt, in den Wahllöchern klebte er jedoch millimeterdick. Er rief nicht an, wen sollte er auch anrufen? Alle, die er einst kannte, waren tot oder wohnten in ähnlichen exquisiten Einrichtungen. Was sollte er mit ihnen besprechen? Seinen Stuhlgang? Wie wunderbar und schön die Zeiten einst waren? Dass der Hintern der Oberschwester immer fetter würde? Er verzichtete auf solche Gespräche. Sie würden ähnlich verlaufen wie die dementiösen Monologe, denen er während der täglichen gemeinsamen Mahlzeiten im Speisesaal notgedrungen ausgesetzt war.

Er erwartete, dass man ihn anrief. So wie früher! Veranstalter, Fernsehmacher, Produzenten, das ganze Geschmeiß der Showbranche, schöne Frauen, Stars, die jeder kannte, so wie ihn jeder kannte, und Sternchen, die keiner kannte und und deshalb der Meinung waren, sich nach oben vögeln zu müssen. Er hatte ihnen gerne auf diesem Weg geholfen.

Die Wespe hatte sich in der Zwischenzeit auf einem Stück Pflaumenkuchen niedergelassen, welches auf einem Tellerchen neben dem Telefon stand, und das er noch nicht angerührt hatte. Sie saß mitten auf der fruchtig-süßen Masse, ihre Mundwerkzeuge kauten eifrig, während ihr Hinterleib rhythmisch pumpte. Vielleicht hatte sie vorher eine Fliege gefangen, die zuvor Kuhscheisse gefressen hatte, dachte er. Er würde auf den Kuchen verzichten. Wenn er jetzt zum Hörer greifen würde, stäche sie ihn vielleicht, dachte er, obwohl er ihr doch nichts Böses wollte. Müde ruhte sein Blick auf dem Insekt. Die frühabendlichen Sonnenstrahlen schlängelten sich durch das Geäst der Bäume, die den Wandelgarten säumten, und tanzten auf seiner Bettdecke. Die Augen fielen ihm zu.

 

(Fortsetzung folgt)

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