Einsehen und aushalten

Die Einsicht, dass auch meine Kinder in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen sind, ist schmerzhaft. Es ist schwer, das auszuhalten. Ich dachte, es wäre nicht so gewesen, denn ich weiß, wie sehr ich meine Kinder liebte und liebe. Mein Mann und ich haben es anders gemacht als unsere Eltern. Aber es war nicht genug, auch wenn wir unser Bestes geben wollten.

In einer toxischen Beziehung kann das Familiensystem nicht funktionieren. Damals habe ich nichts über toxische Beziehungen gewusst, vielleicht gab es den Begriff noch gar nicht. Wir waren nicht glücklich miteinander und wollten das ändern. Doch auch in den diversen Paarberatungen und Therapien durchschauten die Therapeuten und Therapeutinnen nicht, dass unsere Beziehung keine gesunde war, sondern darauf beruhte, dass ein Narzisst und eine Co-Narzisstin miteinander verbunden waren. Verbunden ist hier im Sinne von abhängig zu verstehen. Diese Bindung hätte aufgelöst werden müssen. Aber davon war nicht die Rede, wir wollten die Familie zusammenhalten und das ging nur mit Veränderungen, und zwar hauptsächlich mit meiner. Ich lebte im Glauben, dass unsere Söhne mit ihrem Vater eng verbunden waren und ich die Harmonie mit meiner Unzufriedenheit, meinen ewigen Forderungen, meinen regelmäßigen Ausbrüchen und meinem weinerlichen Charakter störte. Vereinfacht ausgedrückt, aber nicht falsch.

Heute weiß ich, wie sehr die Kinder unter unserem Familiensystem gelitten haben. Wenn wir darüber sprechen, sehe ich es ihnen auch an. Und das tut weh.

Nach der Scheidung ahnte ich immer noch nicht, was passiert ist. Erst nach und nach konnte ich die Ursachen der Distanz zwischen meinen Kindern und mir erkennen. Mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben und das Verhältnis zu meinen Söhnen veränderte sich so allmählich zum Guten. Beide leben in glücklichen Beziehungen (wage ich mal zu behaupten) und ich habe begonnen, für sie sichtbar zu werden.

Dass wir aktuell miteinander intensiv ins Gespräch kommen, zeigt mir zum Glück, dass trotz der großen Schwierigkeiten auch vieles gelungen ist. „Irgendwas ist da, aber eigentlich ist doch alles gut,“ sagte mir ein Sohn kürzlich, bevor wir uns umarmten und fest drückten.

Wir werden nächste Woche zusammen mit einer Therapeutin gucken, was ist und wie es besser werden kann. Das ist ein erster Schritt, um Veränderungen anzukurbeln. Wenn sie denn von allen gewünscht sind.

Was wirklich schwer zu tragen ist, ist der Gedanke, dass ich nachträglich nichts verändern kann. Ich kann mein Leben nicht noch einmal von vorne beginnen und es meinen Kindern nie mehr so schön machen, wie sie es verdienen.

Und damit komme ich zu meinen Eltern, die nicht mehr leben. Ihnen ist es wahrscheinlich mit ihren Kindern so ähnlich ergangen. Mein Vater hat mir, kurz bevor seine Demenz ausbrach, gesagt, dass ihm so vieles leid tue, was er mir angetan hat. Der eine Satz hat ausgereicht, dass ich mich auf den Weg machen konnte, mich innerlich mit meinen Eltern zu versöhnen. Ob sie sich genauso fühlten wie ich heute, als ihnen klar wurde, dass sie ihre Liebe im Umgang mit uns Kindern nicht so umsetzen konnten, wie sie eigentlich wollten? Leider kann ich sie das nicht mehr fragen, aber ich kann in mich gehen und auf irgend eine Weise spüre ich einen mentalen Kontakt zu meinen Eltern. Zumindest in meiner Gefühlswelt ist es so und das reicht ja auch aus. „Ja“, meinen sie. „Auch für uns war es schwer. Aber du, Tochter, bist doch trotzdem gut gelungen.“

Dass es so viele Generationen braucht, um die schädlichen Familienmuster zu durchbrechen, ist doch sehr anstrengend, oder?

6 Kommentare

  1. Da gehen wir als Menschen allesamt durch – durch diesen Prozess. Keiner ist davon ausgenommen. Es hat ja was mit dieser Liebe zu tun, die unser Lebenselixier ist, die wahre Liebe, die wir suchen und brauchen, aber die auch oft falsch daher kommt und uns in Schwierigkeiten bringt.
    Wir sind da, um zu lernen, zu erkennen und zu begreifen. Vergeben und Verzeihen gehört dazu.
    Am Ende wird es gut. Dessen bin ich mir sicher. Liebe Grüsse Brig

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    • Danke für die lieben Worte. Sie geben mir Trost und Hoffnung und es ist gut, mich noch einmal daran zu erinnern: Ich bin nicht allein damit! Ja, die Liebe zu meinen Kindern spüre ich gerade sehr und damit auch die Trauer darüber, dass ich den kleinen Wesen damals so viel nicht geben konnte. Auf der anderen Seite haben sie wohl doch auch eine Menge Gutes von uns Eltern mit bekommen. Und wir haben das Glück, miteinander sprechen zu können, das ging mit meinen Eltern nicht. Liebe Grüße! Regine

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  2. Liebe Regine,
    Jo, da schreibst Du was 😟 und bist nicht allein mit diesem Thema 🤗. Vor 7 Jahren machte ich mir ähnliche Vorwürfe. Obwohl ich wusste, dass unsere Familienstruktur toxisch war, schaffte ich es nicht, zu gehen. Nach der Trennung (Grund: eine Andere) hab ich lange gebraucht, um meine Schuldgefühle abzulegen. Zu dem Zeitpunkt waren die Kinder schon fast erwachsen.
    Vielleicht hat mir geholfen, zu sehen, wie sie ihr Leben meistern, sich reflektieren und eben auch Therapien machen. Andererseits – so abwegig es sich anhört- ihre Seelen haben sich genau diese Eltern ausgesucht. Hätten sie die Gabe der Reflexion so entwickelt, wenn ihr Leben anders verlaufen wäre? Wer weiß das schon. Ich habe meinen Frieden damit gemacht, mir und eben auch meinen Eltern verziehen. Es geht nicht drum, ob man nicht doch was richtig gemacht hat. Wir haben das getan (nach bestem Wissen und Gewissen als Eltern), wozu wir zum jeweiligen Zeitpunkt in der Lage waren.
    Weißt Du, es ist wie im Märchen der Frau Holle, es geht um ein Portal, ein Tor zu Erkenntnissen, die wir erst mit einer gewissen Anstrengung erreichen können. Solange der Mensch sich in seiner Komfortzone befindet, entwickelt er sich nicht. Bei Euch (und auch bei uns) ist das die Erkenntnis herzoffen miteinander reden zu können.
    ♥️ensgrüsse, Greeny

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    • Liebe Greeny, danke für Deine herzlichen Worte. Ja, so ähnlich habe ich es in meiner Ausbildung als Ehe-und Lebensberaterin auch gelernt und ich war meist gut in der Lage, dies mit meinen Klienten und Klientinnen herauszuarbeiten. Mein Verstand stimmt dem voll und ganz zu.

      Die Emotionen gerade nicht so. Mit jeder schlimmen Erinnerung erkenne ich, wie furchtbar es manchmal für meine Kinder gewesen sein muss, und zwar bis vor kurzem. Es ist so schwer, immer wieder durch das Tor der Erkenntnis zu gehen und festzustellen, das war noch längst nicht alles. Um nicht zu verzweifeln, ist es jetzt wichtig, mich auch an gute Zeiten und an meine kompetenten, liebevollen Seiten zu erinnern. Ich weiß, wie sehr ich meine Kinder lieb(t)e und dass ich ihnen doch auch viel Gutes mitgeben konnte.
      Ich sage mit immer wieder, dass es in der Aufarbeitung nicht um Schuld geht, auch wenn ich mich schuldig fühle.
      Ja anstrengend ist es und ich freue mich wieder auf ruhigere Zeiten! Aber nach der Krise ist ja auch immer vor der Krise. Irgendwas ist ja immer und zum Glück ist das so, denn das ist das Leben. Also zumindest meins.
      Liebe Grüße! Regine🙋‍♀️
      PS: Es ist schwer, sich aus toxischen Beziehungen zu lösen. Mir gelang es auch erst so einigermaßen, nachdem eine Geliebte ins Spiel kam.

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